Strangsanierung: Kosten, Verfahren und Ablauf im bewohnten Zustand
Veraltete Steig- und Versorgungsleitungen sind in vielen Bestandsgebäuden ein erhebliches Risiko: Rohrbrüche, Wasserschäden und ineffiziente Systeme führen zu hohen Kosten und Betriebsausfällen. Die Strangsanierung bietet eine moderne Lösung, um Wasser-, Abwasser- und Heizungsleitungen zu erneuern – oft sogar im bewohnten Zustand. Dieser Artikel erklärt Verfahren, Kosten, Ablauf und Best Practices für Wohnimmobilien, Bürogebäude und gewerbliche Objekte
Inhaltsverzeichnis
Wann ist eine Strangsanierung notwendig?
Verfahren der Strangsanierung: Komplettsanierung vs. Inliner-Verfahren
Strangsanierung im bewohnten Zustand: Geht das?
Ablauf einer Strangsanierung Schritt für Schritt
Rechtliche Aspekte: Mietminderung und Modernisierungsumlage
Besonderheiten nach Gebäudetyp
Was ist Strangsanierung?
Die Strangsanierung bezeichnet die Erneuerung vertikaler Versorgungsleitungen (Steigleitungen) in einem Gebäude. Diese sogenannten „Stränge" verlaufen über mehrere Etagen und versorgen die einzelnen Wohnungen oder Nutzungseinheiten mit:
- Trinkwasser (Kalt- und Warmwasser)
- Abwasser
- Heizungswasser
- Gas (in einigen Gebäuden)
Im Gegensatz zur horizontalen Rohrsanierung innerhalb einer Wohnung betrifft die Strangsanierung das gesamte Gebäude. Sie ist damit eine zentrale Maßnahme für die langfristige Werterhaltung und Betriebssicherheit von Mehrfamilienhäusern, Bürogebäuden und gewerblich genutzten Immobilien.
Wann ist eine Strangsanierung notwendig?
Eine Strangsanierung wird erforderlich, wenn:
- Rohre stark korrodiert oder undicht sind
- Häufige Rohrbrüche und Wasserschäden auftreten
- Die Trinkwasserqualität beeinträchtigt ist (z.B. durch alte Bleirohre)
- Leitungen aus den 1960er-1980er Jahren stammen (typische Lebensdauer: 40-50 Jahre)
- Eine umfassende Modernisierung des Gebäudes geplant ist
- Versicherungen höhere Prämien verlangen oder Deckung verweigern
Wichtig: Vor allem bei Mehrfamilienhäusern aus den 1970er Jahren ist eine Bestandsaufnahme dringend empfohlen. Eine vorbeugende Sanierung ist in der Regel deutlich günstiger als eine Notsanierung nach einem Wasserschaden.
Verfahren der Strangsanierung: Komplettsanierung vs. Inliner-Verfahren
1. Komplette Rohrneuerung (konventionell)
Die klassische Methode:
- Alte Rohre werden komplett entfernt
- Neue Rohre aus Kupfer, Edelstahl oder Kunststoff werden verlegt
- Wanddurchbrüche, Stemmarbeiten und Wiederherstellung der Wände erforderlich
Vorteile: Komplett neue Leitungen, lange Lebensdauer (50+ Jahre), alle Materialien frei wählbar
Nachteile: Hoher Aufwand, Schmutz, Lärm, längere Bauzeit, höhere Kosten
2. Inliner-Verfahren (schlauchbasiert)
Moderne Alternative:
- Kunststoffschlauch wird in die bestehenden Rohre eingezogen
- Schlauch härtet aus und bildet ein neues, dichtes Rohr im alten Rohr
- Minimale Wandöffnungen nötig
Vorteile: Schnell, sauber, geringe Beeinträchtigung, im bewohnten Zustand möglich
Nachteile: Leicht reduzierter Rohrinnendurchmesser, nicht bei stark verzweigten Systemen geeignet
Strangsanierung im bewohnten Zustand: Geht das?
- Detaillierte Planung und Kommunikation mit Mietern/Nutzern
- Arbeiten etappen- oder wohnungsweise
- Kurzfristige Absperrungen (meist nur wenige Stunden pro Wohneinheit)
- Minimierung von Staub und Lärm
- Notversorgung mit Wasser während der Arbeiten
Für Vermieter und Eigentümer bedeutet dies: Mietausfälle können minimiert oder ganz vermieden werden. Für Bürogebäude und gewerbliche Objekte ist eine Sanierung im laufenden Betrieb oft unverzichtbar.
Ablauf einer Strangsanierung Schritt für Schritt
Phase 1: Planung und Vorbereitung
- Bestandsaufnahme: Inspektion der Leitungen mit Kameratechnik
- Auswahl des Verfahrens (komplett oder Inliner)
- Kostenkalkulation und Zeitplanung
- Information der Mieter/Nutzer (Mindestankündigungsfrist beachten)
Phase 2: Durchführung
- Absperrung der betroffenen Leitungen
- Entfernung alter Rohre bzw. Einziehen des Inliners
- Installation neuer Anschlüsse und Armaturen
- Druckprüfung und Spülung
Phase 3: Abschluss
- Wiederherstellung von Wänden und Böden
- Abnahme durch Fachfirma und ggf. Bauaufsicht
- Dokumentation (wichtig für Gewährleistung und Wertermittlung)
Dauer: Pro Wohneinheit 2-5 Tage (Inliner) bzw. 5-10 Tage (Komplettsanierung). Für ein Mehrfamilienhaus mit 10 Wohneinheiten: 4-8 Wochen Gesamtdauer.
Rechtliche Aspekte: Mietminderung und Modernisierungsumlage
Mietminderung
Mieter haben bei erheblichen Beeinträchtigungen (Lärm, kein Wasser) ein Recht auf Mietminderung. Durch Sanierung im bewohnten Zustand und gute Kommunikation lassen sich Minderungen minimieren.
Modernisierungsumlage (Wohnimmobilien)
Bei vermieteten Wohnimmobilien können maximal 8 Prozent der Modernisierungskosten jährlich auf die Miete umgelegt werden (seit 2019). Bei einer Investition von 100.000 Euro sind das bis zu 8.000 Euro/Jahr bzw. 666 Euro/Monat Mieterhöhung für das gesamte Haus.
Gewerbliche Immobilien
Hier gelten die Vereinbarungen im Mietvertrag. Oft sind Instandhaltungs- und Modernisierungsmaßnahmen vertraglich geregelt.
Förderung und Finanzierung
Strangsanierungen sind grundsätzlich nicht direkt förderfähig. Allerdings:
- Wenn kombiniert mit energetischer Sanierung (z.B. neue Heizungsleitungen): KfW/BAFA-Förderung möglich
- Steuerliche Absetzung bei vermieteten Immobilien (Erhaltungsaufwand oder AfA)
- Sonderabschreibungen bei Denkmalimmobilien
Praxisbeispiele
Beispiel 1: Mehrfamilienhaus mit 12 Wohneinheiten
- Objekt: Baujahr 1972, 12 Wohneinheiten, 900 m² Wohnfläche
- Methode: Inliner-Verfahren für Trinkwasser und Abwasse
- Dauer: 6 Wochen
- Besonderheit: Sanierung im bewohnten Zustand, keine Mietausfälle
Beispiel 2: Bürogebäude mit 5 Etagen
- Objekt: Baujahr 1985, 2.500 m² Nutzfläche
- Methode: Komplette Rohrneuerung (Sanitär + Heizung)
- Dauer: 10 Wochen (etappenweise, Betrieb lief weiter)
- Ergebnis: Keine Rohrbrüche mehr, Versicherungsprämie um ca. 25% gesenkt
Besonderheiten nach Gebäudetyp
Wohnimmobilien
Koordination mit Mietern, rechtliche Vorgaben (Modernisierungsumlage), oft Sanierung im bewohnten Zustand erforderlich.
Bürogebäude
Sanierung oft außerhalb der Geschäftszeiten oder etappenweise, höhere Anforderungen an Hygiene (Trinkwasserqualität), oft komplexere Leitungssysteme (Klimatechnik, IT-Kühlung).
Gewerbliche Objekte (Hotels, Pflegeeinrichtungen)
Betrieb darf nicht unterbrochen werden, sehr enge Zeitfenster, höchste Hygieneanforderungen, oft 24/7-Verfügbarkeit erforderlich.
Industriegebäude
Prozesswasser, Kühlwasser, spezielle Medien (Druckluft, Chemikalien), hohe Anforderungen an Betriebssicherheit.